Zeichen setzen

Die Ausstellung* trägt den schönen wie mehrdeutigen Titel „Zeichen setzen“, ein Titel, der die künstlerische Praxis bereits wunderbar beschreibt und uns schon mitten in die außergewöhnliche Welt von Michael Endlicher eintauchen lässt. Ich kenne den Künstler seit einigen Jahren und vor kurzen habe ich ihn in seinem Atelier besucht. Innerhalb kurzer Zeit hat sich wieder ein angeregtes Gespräch über seine Kunstauffassung entwickelt, insbesondere auch über sein zentrales Thema: die Beziehung der Kunst zu Schrift und Wort sowie das Kunstwerk an sich als Text und Zeichen.

Texte, Worte und Buchstaben in Kombination mit Bildern begegnen uns ja täglich in den vielfältigsten Ausprägungen. Auch für unzählige Kunstschaffende ist die Schrift spätestens seit den Avantgarde-Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Mit der Moderne entwickelt sich eine zunehmende Durchdringung und gegenseitige Befruchtung von Literatur, Gebrauchsgrafik und bildender Kunst: Immer mehr Künstler nutzen Buchstaben, Zahlen und Ziffern als gestalterisches Element in ihren Werken, während Dichter ihre Texte wie Kunstwerke arrangieren. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind die Grenzen zwischen Bild und Sprache, Visuellem und Verbalem oft nicht (mehr) eindeutig. Der Text wird zum eigenständigen Bildmedium, er kann kommentieren und reflektieren, er wird konzeptualisiert und zum Gestus oder auch zum allgemeinen Sinnbild.

An diese Überlegungen knüpft Endlichers künstlerisches Werk an, nicht aber ohne neue Facetten und Aspekte hinzuzufügen. Auch hier gilt: die Sprache ist Ausgangspunkt und Arbeitsmaterial. Durch Buchstaben, Wörter und Texte – vorgetragen in performativen Lesungen, verarbeitet in Videos, installiert als Schriftbilder in Petersburger Hängung, wild auf Boden und Wände gesprüht – lässt Endlicher die Grenzen zwischen Malerei und Text, Konzept und Objekt, aber auch zwischen Künstler und Kritiker verschwimmen.

Endlicher ist ein Wortakrobat, ein schreibender Künstler, ein künstlerischer Schriftsteller, der die Bedingungen des Kunstschaffens zwischen schnellem Witz und tiefsinniger Analyse zu visualisieren versteht. Für mich als Kurator ein spannendes Unterfangen, hinterfragt er dabei doch  humorvoll und provokant, wie über Kunst gesprochen, über sie geschrieben und diskutiert wird. Die Praxis der Kunsttheorie trifft auf die Praxis des Kunstmachens.

Endlicher lässt Worte zu Bildern werden, zitiert gerne Kunstkritiker, Theoretiker, Philosophen und ihre Reflexionen über die Kunst, reißt diese aus dem ursprünglichen Kontext und setzt sie in einen neuen Zusammenhang. Er sucht und verfremdet aufgeladene Worte und Sätze, die ihn in ihrer Eindeutigkeit oder auch Uneindeutigkeit reizen, und erfindet Wortgruppen, mischt sie wie zufällig zusammen und lässt neue, bisweilen rätselhafte Sinnzusammenhänge entstehen.

„THIS WILL HAVE BEEN“ ist ein in der Ausstellung zu sehender, zu lesender Satz, bestehend aus einzelnen „Buchstabenbildern“, verfasst in der Schablonen-Schriftart mit dem schönen Namen „Wunderbach“. Vielleicht eine Beschreibung, ein Sinnbild für die Sehnsucht nach Sicherheit in unserer so unsicher gewordenen Gegenwart. Gleichzeitig, und das trifft den Kern wohl eher, ist dies aber auch ein trivialer, ja banaler Satz, der uns das pseudointellektuelle Geschwurbel und die inhaltsleeren Floskeln vor Augen führt, mit denen wir uns – gerade auch im Kunstdiskurs – so gerne umgeben.

Daneben interessiert sich der Künstler aber besonders auch für die Materialität von Sprache, er analysiert das Verhältnis von Buchstaben, Zahlen und einzelnen Wörtern zu der sie tragenden Fläche, zum umgebenden Raum. Ähnlich wie bei einem Druckprozess sprüht Endlicher schwarze Buchstaben auf die schmutzig weiß bemalten Leinwände. Jedes Zeichen und sein Umraum sind durch Schärfen und Unschärfen, durch verwaschene Farbsetzungen und -ergänzungen individuell gestaltet und erinnern in ihrer Rohheit und Spontanität an Street Art. Die Buchstaben sind Objekt und/oder Malerei, genützt für die vielfältigsten Kompositionen und Experimente. „Ich bin ein alter Oberflächenfetischist“, so der Künstler augenzwinkernd. Wie in einem Setzkastenspiel können die Leinwände unterschiedlich zusammengestellt werden, wobei auch für uns Betrachter/innen ein Buchstabenhaufen übrig bleibt, damit wir uns – nicht unähnlich Josef Bauers taktiler Poesie – selbst ein Bild imaginieren können.

Ausgangspunkt ist dabei stets das Bestreben, den Verweischarakter der Sprache auf etwas außerhalb von sich selbst zu überwinden und Wörter und Zeichen als eine eigenständige Realität zu behandeln und auf der Leinwand, auf Blechplatten, auf einem Blatt Papier oder wo auch immer in geistig aktivierenden Sinnbildern eine Gestalt zu geben. Die Sprache ist also Kunstgegenstand, ein vom Künstler einverleibtes Denkbild, bestehend aus verbalen und nicht verbalen Elementen und Zeichen.

Entscheidend für das einzelne Textbild und die Symbiose von Schrift und Bild ist neben der Auswahl der Begriffe die Wahl und Anordnung der Wörter, Linien oder Zeichen. Das gelingt Endlicher besonders überzeugend mit seinen neuen Buchstabencollagen („signs“). Durch Überlagerung sind die einzelnen Buchstaben ihres ursprünglicheren verbalen Sinns beraubt; sie werden zu rätselhaften Zeichen, die an Codes von Graffiti-Künstlern erinnern, aber auch an eine abstrakte, geometrische Malerei – in ihrer Verdichtung aber jedenfalls einen neuen ästhetischen Sinn erhalten. Ein reizvolles Wahrnehmungs- wie auch Ratespiel, den es macht Lust zu ergründen, welche Buchstaben jeweils zur Anwendung gekommen sind (der Künstler weiß es übrigens oft selbst nicht mehr, deshalb steht auf der Leinwandrückseite die Auflösung). So entsteht eine vielfältige Bilderserie in sehr unterschiedlicher malerischer Umsetzung, mit strengen Linien und rauen oder dünn lasierten Flächen, mit lauten und zurückhaltenden, wild verspielten und fein zarten Partien.

Neu und etwas aus dem Rahmen fallend sind die im Digitaldruck ausgearbeiteten und sehr technisch wirkenden Buchstaben und Zahlen in bunten Farben inklusive Genderstern („letter prints“). Sämtliche Konstruktionslinien aller Zeichen – Endlicher zeichnet diese am Computer per Linientool nach – ergeben den Hintergrund, nur die Striche des aktuellen Zeichens liegen über diesem im Vordergrund. Werke, die auf ironische Weise auch an Werbeästhetik erinnern.

Heinz Gappmayr sagte einmal, bezugnehmend auf seine Arbeit: „Die visuelle Dichtung macht sichtbar, wie sich bloße Striche in sinnhaft logische Welt ermöglichende Zeichen verwandeln.“ Und weiter: „Worte bestehen aus krummen und geraden Linien wie eine Zeichnung; mit ihnen bringen wir aber einen bestimmten Sinn in Zusammenhang. Der tägliche Umgang mit Geschriebenem verstellt uns den Blick für das Ungewöhnliche dieses Phänomens.“ Dieses Phänomen zu ergründen ist auch Michael Endlichers Anliegen. Ihm gelingt es, hinter die offensichtliche Zeichenoberfläche zu blicken, unseren Umgang mit Wort und Bild zu hinterfragen, aber er fordert uns auch auf, darüber nachzudenken, wie wir über Kunst sprechen und schreiben.

* Michael Endlicher – Zeichen setzen bei GPLcontemporary, Wien, Oktober 2019


Günther Oberhollenzer ist Kunsthistoriker und Kurator der Landesgalerie Niederösterreich.

Buchstabenbilder und sign #14 | Zeichen setzen, GPLcontemporary, 2019