Calling Them Names: Michael Endlichers Shouting 130 Words Against The Light

Ein Mann betritt eine kleine Bühne in einem dunklen Kinosaal. Er klettert etwas unbeholfen auf ein säulenartiges Podest und beginnt etwas zu deklamieren. Das weiße Licht des Videobeamers blendet ihn. Es strahlt die Leinwand hinter ihm an, auf der sich sein Schatten abzeichnet. 130 Worte spricht, schreit er in diesen Lichtstrahl, während das Publikum gebannt zuhört. Es hat ein Blatt mit diesen 130 teilweise abgekürzten Namen beim Eingang zu Beginn der Performance erhalten. Kann diese aber ob der Dunkelheit im Saal nicht mitlesen. Es wird die fünf Spalten später überfliegen und versuchen, sich zu erinnern. Nach dem alles ausgesprochen ist, klettert der Mann von der Säule und verlässt die Bühne.

Ein paar Wochen später gibt es eine editierte Videoaufzeichnung dieser Performance, die im Mai 2019 im Kino des Belvedere 21 stattgefunden hat, auf der Online-Plattform des Blickle Video Archivs zu sehen. Diese verschiebt den Blick, denn die Zuseher*innen sehen nun, auf dem Bildschirm, etwas Anderes als damals im Auditorium. Sie sehen womöglich die Anstrengung, die im Memorieren der Zeilen liegt, wie das weiße Licht, das den Performer unangenehm blendet. Sie konzentrieren sich auf das Gesicht, das „Affektbild“ (Deleuze), das den Affekt überträgt. Die Präsenz der Stimme jedoch, die aus dem Körper kommt und das Gesagte schließlich in den realen Raum zu den Anwesenden trägt, bleibt seltsam unbedeutend in diesem, den Sehsinn bevorzugenden Medium.

Ich beginne nochmal: Die 130 Namen mythologischer Gestalten, die Künstlernamen, Vornamen, Markennamen und Schimpf(namen)wörter, die der Künstler Michael Endlicher in seiner Performance (und später im Video) dem Projektor-Licht entgegenschreit, könnten, in Zeiten wie diesen, natürlich leicht auf das grassierende Corona-Virus umgemünzt werden. Das Ganze ist aber lange davor passiert, obgleich die Performance bereits Bezug auf den Ausdruck und die Performativität einer Unzufriedenheit nimmt, die sich bis in die Gegenwart verfolgen lässt.

Ausrufen
Anrufen
Verrufen

Calling them Names beruht auf einer (meiner) falschen Übersetzung, denn natürlich heißt es nicht auf Deutsch „sie mit Namen rufen“, sondern schlicht und einfach „jemanden beschimpfen.“ Doch kommen mir diese „falschen“ Namen sehr gelegen, denn wo hört die Anrufung auf, wo beginnt das in Verruf bringen oder Beschimpfen?

Namen stellen signifikante Faktoren für die Konstruktion von Identität dar. Nach Jean-Francois Lyotard bezeichnet der „richtige Name“ die Realität eines Menschen, seine Einbettung in eine Kosmologie, die ihn als Subjekt etabliert, aber dadurch gleichzeitig prekär ist. Denn der Name selbst jedoch kann laut Lyotard nichts offenbar machen, er ist nur ein unzulänglicher Referent.[1] Um eine Beziehung zwischen diesem und der Realität, die er bezeichnen soll, aufzubauen, müsse ein komplexes System an sprachlichen Operationen „ausgerufen“ werden,[2] was die Beziehung jedoch nicht stabiler macht. Was passiert nun, wenn sich dieser Referent ändert oder geändert wird? Dann verschiebt sich das gesamte System des „Benennens, Zeigens und Bedeutens!“[3]

Im ausgeteilten Saalzettel stehen die Namen, die Endlicher ausruft, nebeneinander und werden dadurch gleichgesetzt. Egal ob „Nike“ oder „Amun“, „Dali“ oder „Visa“, es gibt keine Hierarchie. Strukturell sind sie alphabetisch geordnet und auf vier Buchstaben verkürzt. Auf der Ebene der „Erzählung“ wirft dies die Frage nach dem Ursprung und dem etymologischen Gehalt eines Namens auf, offenbart den historischen Horizont sowie den sich verändernden Kontext: Wann und warum wird ein Name zur Marke? Wann wird aus einem Namen ein Schimpfwort? Wann wird ein Schimpfwort unaussprechlich?

Der Performancekünstler James Lee Byars, den Michel Endlicher als einen seiner künstlerischen „Vorfahren“ für manche seiner Arbeiten nennt, spricht in einer Rede am Nova Scotia College of Art and Design 1971 von der Schwierigkeit, Fragen zu formulieren: „I mean, there are questions where you’re taught the answer before the question, and then you’re asked the question and you raise your hand and the teacher thinks that’s a big deal. That kind of question is defeating. And so I wondered - is all speech interrogative?”[4]

Die vorher erwähnten Fragen stellen sich durch Form und Struktur der Performance. Was aber, wenn nun, viel unmittelbarer, die Namen Fragen sind, die der Künstler ins Auditorium schreit? Wer sind denn die Adressat*innen dieser Fragen? Sind wir diese Angerufenen, das Publikum, die Zuseher*innen? Begreifen wir uns als Stellvertreter*innen für die mit „Dolm“, „Ratz“ und „Uole“ gemeinten? Hier könnten wir mit Lyotard antworten: „Ja, aber … der Name bedeutet ja nichts, er ist nur die Spur einer bezeichnenden Funktion,“[5] und uns nicht weiter angesprochen fühlen.

Doch tritt bei Shouting 130 Words against the Light live – im Gegensatz zur Video-Aufzeichnung, die das Publikum eher ins Off verweist - etwas Entscheidendes hinzu: die Verbindung von Performance und Performativität. Denn sowohl der Körper des Performers und dessen singulärer Ausdruck wie auch die Wiederholung eines Musters, eines Sprechaktes, durch den sich die Signifikationsprozesse ändern oder zumindest im Fluss bleiben, tragen zur „Verkomplizierung“ einer Form bei, die andernorts bloß als stark verkürzte Schmährede wahrgenommen werden würde.[6]

Die Affizierung des Künstlerkörpers, der sowohl sich selbst als auch die unterschiedlichen Referenzen an Vorbilder, die „Rolemodels“, spielt und hierbei sowohl authentisch, sowie das komplette Gegenteil davon ist, überträgt sich durch die Performance auf die Zuseher*innenkörper. Es wird mitgefiebert, gelacht, der Atem bei jedem Stocken des Künstlers angehalten, verhalten geschmunzelt, spöttisch geblickt, erleichtert applaudiert. Gemeinschaft entsteht im Zusammensein der Körper, die eben nicht nicht kommunizieren können.

Es ist ein äußerst fragiles Künstlerbild, das sich in Shouting 130 Words against the Light wie in vielen von Michael Endlichers Arbeiten zeigt. Was auf den ersten Blick oft provokant wirkt, lässt im körperlichen Ausdruck, dem „grain of the voice“ (Barthes), die Zerbrechlichkeit und Ratlosigkeit angesichts der Frage, was Künstler*in-Sein bedeuten kann, bewirken kann, durchscheinen.

Claudia Slanar, Kuratorin Blickle Kino & Video Archiv

 

[1] Siehe Jean-Francois Lyotard, “The Différend, The Referent, And The Proper Name,” Diacritics 14.3 (Fall 1984): S. 10ff.
[2] Ibid, S. 13.
[3] Ibid.
[4] Siehe Lucy Lippard, Six Years: the dematerialization of the art object from 1966 to 1972, Berkeley/ Los Angeles/London: University of California Press, 1997 (1973), S. 165.
[5] Lyotard, S. 10
[6] Die literarische Form der Schmährede soll hier nicht geschmäht werden, gibt es doch gerade in Österreich eine Tradition der Beschimpfung, Wut- oder Brandrede. Der „Wutbürger“ als massenmediales Phänomen taucht zu Beginn der 2010er Jahre als Phänomen der Mittelschicht auf, um in den letzten Monaten in unterschiedlicher Verkleidung wiederzukehren: Impfskeptiker, Maskengegnerin, Staatsverweigerer, etc. Oft wird der Zorn als durch und durch „authentisch“ missverstanden und nicht als Performance. Im Unterschied zu letzterer im künstlerischen Feld jedoch wird diese Verkleidung als Mittel zum Zweck verstanden, die Botschaft als Problem des Empfängers. Nie geht es um das Spielen mit und gegen den Text oder die permanent neu auszuhandelnde Form der Bedeutungsproduktion von Sprache. Zu dieser Diskussion siehe etwa Paul Divjak, Thomas Edlinger „Wut und Wahn. Erregungsmanagement in zornigen Zeiten,“ Der Standard, 16.12. 2011, https://www.derstandard.at/story/1323916618025/wut-und-wahn, eingesehen am 20.5. 2020. Oder Ronald Pohl, „Wut ist die größte Kraft von Österreichs Dichtern,“ Der Standard, 16.5. 2020, https://www.derstandard.at/story/2000117516795/wut-ist-die-groesste-kraft-von-oesterreichs-dichtern, eingesehen am 29.5. 2020. Erwähnung soll hier auch der von der Schriftstellerin Lydia Haider herausgegebene Band Und wie wir hassen! (Kremayr & Scheriau, 2020) finden, indem sie durchwegs weibliche Brand- und Hassreden versammelt.

Performance: Shouting 130 Words Against the Light, Blicke Kino/Belvederer21, 2019